„There is a crack in everything. That's how the light gets in. “
Leonard Cohen
Rock ‘n’ Roll
und Rollstuhl
Ich begleite heute Menschen in Veränderungsprozessen im Einzel-Coaching und spreche vor Firmen-Mitarbeitenden über Resilienz, Gesundheitsfürsorge und Selbstwirksamkeit.
26 Jahre habe ich als Schauspielerin gearbeitet. In den Geschichten, in denen ich mitspielte, interessierte mich immer der Mensch. Jede gute Geschichte erzählt über Veränderung, Reifung. Am Ende bekommt die Heldenfigur nicht immer, was sie will, aber immer, was sie braucht.
Mich faszinierte die Frage: Was ist der Mensch bereit zu tun, um dazuzugehören? Welche Rollen übernimmt er dafür, damit eine Geschichte nach Plan ausgeht? Und warum springt bei einer Person unter Druck das Betriebssystem erst an während die Andere kollabiert?
Während meine Karriere nach außen hin erfolgreich verlief, rutschte ich während der Corona-Zeit unbemerkt ins Burnout. Auffällig waren zunächst körperliche Beschwerden und das Gefühl, mir selbst fremd geworden zu sein, obwohl ich teils lange Erträumtes erreicht hatte.
Beim Film gilt: "Geht nicht gibt's nicht."
Also glaubte ich, Stress sei nur eine Frage der Einstellung. Bis mir ein Arbeitspsychologe sagte: „Was Sie mir von Ihrer Branche erzählen, kocht selbst den härtesten Typen weich.“ Das fuhr mir regelrecht ein.
Gleichzeitig verschlechterten sich mein Gleichgewicht, mein Gang und meine Sprache. Auch konnte ich meine eigenen Notizen nur mit immer mehr Mühe entziffern. 2024 bekam das Ganze einen Namen: Kleinhirnatrophie. Atrophie heißt dabei so viel wie „Schwund“ oder „Rückbildung“. Nach heutigem Stand ist meine Form der sog. Ataxie nicht behandelbar. Die Ärztin reichte mir Taschentücher und zuckte die Schultern: "Da kann man nix machen." Sie war offenkundig top geschult. In dem Jahr wurde ich fünfzig. – Seither hole ich mir von vielen Seiten Unterstützung und lebe gleichzeitig mit dem Bewusstsein vielleicht in absehbarer Zeit im Rollstuhl zu sitzen. Früher habe ich Schienen vor den fahrenden Zug gelegt. Heute fordert mich die Symptomatik jeden Moment im Hier und Jetzt.
„Es kommt nicht darauf an, was für ein Blatt Karten Du auf die Hand bekommst, es geht darum, wie Du sie spielst.“
Nach meinem letzten Dreh Ende 2023 absolvierte ich Ausbildungen zum Coach und zur systemischen Organisationsberaterin sowie Weiterbildungen in Atmung & Meditation und hypnosystemischer Kommunikation. Nicht, weil ich einen neuen Beruf brauchte, sondern weil ich nicht länger Superwoman sein wollte. Ich wollte Sandra sein, und ich wollte weiterhin fundiert arbeiten und Menschen in für sie wesentlichen Veränderungsprozessen begleiten.
Ein Therapeut sagte mal zu mir: „Es kommt nicht darauf an, was für ein Blatt Karten Du auf die Hand bekommst, es geht darum, wie Du sie spielst.“
Inzwischen weiß ich, dass Resilienz selten spektakulär aussieht. Sie zeigt sich darin, morgens wieder aufzustehen, die eigenen Grenzen anzuerkennen, um Hilfe zu bitten, Möglichkeiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Defiziten. Und den Humor nicht zu verlieren. Dann lässt es sich viel besser jonglieren, mit allem, was ansteht.
Wir können uns nicht immer aussuchen, was wir auf die Hand bekommen, aber wir können entscheiden, wie wir spielen.
Entscheidend ist, in schwierigen Momenten auf die eigenen Ressourcen zugreifen zu können.